Blitzer-Marathon: Außer Spesen nichts gewesen?

Im Vorfeld zu der Polizeiaktion hatte ich mich ja sehr skeptisch in Bezug auf bleibende Effekte geäußert. Da brauche ich wohl nichts zurückzunehmen, wohl aber will ich einen Gedanken hinzufügen.

Ich hatte während des Blitzer-Marathons einen sehr schönen Tag im Straßenverkehr, gerade auch beim Autofahren. Bis auf einige, die aus lauter Angst dann 40 statt 50 fuhren, war das ein wunderbares Gleiten mit gleichmäßigen Geschwindigkeiten (wir haben ja in Berlin meist mehrspurige Straßen, die bei größeren Differenzgeschwindigkeiten noch schlimmer sind als Autobahnen, weil ja auch rechts überholt werden darf). Das habe ich bisher nur in den USA erlebt und auch dort als angenehm empfunden. Trotzdem waren die Fahrzeitverluste praktisch nicht messbar.

Heute, am nächsten Vormittag, nun die große Überraschung: Entweder die meisten meiner Mitmenschen fanden das auch sehr schön und wollen das beibehalten oder man hat sich an die etwas niedrigere Geschwindigkeit gewöhnt. Die meisten fuhren jedenfalls noch genauso wie am Tag der Aktion. Am Nachmittag war dann fast alles wieder wie früher.

Das liegt meines Erachtens daran, dass die von mir schon erwähnten rund 15 Prozent von notorischen Regelignoranten im Verein mit zufällig nervösen oder eiligen Fahrern die Gutwilligen wieder auf den Pfad der Untugend zurückgeführt haben. Denn, Hand aufs Herz, unter diesen Bedingungen tatsächlich 30 oder 50 zu fahren erfordert entweder einen sehr starken Charakter oder einen Blick stur auf die Straße. Man glaubt gar nicht, wie oft man sonst im Rückspiegel Zeitgenossen sehen kann, die ihre Gesichtsmimik genauso variieren können, wie ein bekannter Fußballtrainer.

Daraus folgt für mich zweierlei. Erstens bringt die eintägige Aktion erwartungsgemäß sichtbar nichts und ob die in Gang gesetzten Diskussionen mittelfristig einen Effekt haben, darf man bezweifeln. Zweitens sollte man es vielleicht mal mit einer Aktion versuchen, die die ganze Woche andauert. Dann könnte man sich viel besser an die „richtigen“ Geschwindigkeiten gewöhnen mit einem dann andauernden Effekt. Die Gruppe der Konformen muss ja nur groß genug werden, dann stecken die Raser, wie man im Rennsport sagt, im Verkehr fest und könnten mit dieser „sportlichen“ Entschuldigung dann auch leichter die Regel einhalten. Darüber könnte die Polizei ja mal nachdenken.
 

Kommentare

Meine Meinung ist ebenfalls die, dass ein solcher "Blitzmarathon" nichts bringt. Die Art und Weise, wie die Aktion durchgeführt wurde, steht stellvertretend für den laxen Umgang der Polizei (und der Politik!) mit Autofahrern, die sich nicht an Verkehrsregeln halten wollen. Das wiederum bestärkt die Raser in ihrer ignoranten Einstellung. Einen "Blitzmarathon" tagelang in allen Medien anzukündigen, ist das Gleiche, als würden in Warenhäusern die Detektive in neonfarbenen Leuchtwesten mit der Aufschrift "Kaufhausdetektiv" herumlaufen. Dass trotzdem einige Autofahrer "ins Netz gegangen" sind, spricht lediglich gegen deren Geisteszustand, nicht aber für die Aktion. Diese ist nicht mehr, als ein Strohfeuer. In Deutschland haben Autofahrer traditionell Narrenfreiheit! Man vergleiche nur die Bußgelkataloge verschiedener EU-Länder. Wirklich angemessene Strafen findet man in Deutschland nicht, allenfalls "Bearbeitungsgebühren". Jeder weiß, dass die weitaus meisten Autofahrer die berühmten 20 Km/h schneller fahren, als erlaubt, weil dies nur ein paar Euro kostet, was zwar ärgerlich ist aber nicht wirklich wehtut und als ab und zu mal zu entrichtende Gebühr für den "Fahrspaß" akzeptiert wird. Hält man sich grundsätzlich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, wird man bedrängt, angehupt und es wird der Kopf geschüttelt. Ich erlebe das praktisch bei jeder Autofahrt. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Diejenigen, die gegen Verkehrsregeln verstoßen, maßregeln die, die sich daran halten! Selbst im Bekanntenkreis, wo ich es mit durchweg intelligenten Menschen zu tun habe, herrscht die Meinung vor, man sollte so schnell fahren, dass man "im Verkehr mitschwimmt" - egal, um wie viel man zu schnell ist. Warum das so ist? Weil es nicht geahndet wird - und weil es als "sportlich" gilt. Damit das Auto auch weiterhin als "Fahrmaschine" für den vermeintlichen Fahrspaß gilt, wird alles erdenkliche getan, angefangen bei der aggressiven Autowerbung bis hin zu sog. "Tourenwagenrennen". Irrsinn pur, der Millionen von hohlen Möchtegern-Schumis hervorbringt. In meiner Wohngegend weigert sich die Polizei seit Jahren, gegen behindernd parkende Autos vorzugehen. Es ist politisch nicht gewollt - auch wenn dies niemand ausspricht. Lieber lässt man die Fußgänger auf den verbleibenden 50 Zentimetern Gehweg laufen, als den Autofahrern die illegalen Parkplätze wegzunehmen. Ich nenne das Rechtsbeugung! 3000 Verkehrstote jährlich, die meisten wegen überhöhter Geschwindigkeit (pardon, "nicht angepasster" Geschwindigkeit, auch dieses Amtsdeutsch ist nicht zufällig gewählt). Allein deshalb müsste TÄGLICH tausendfach und an ständig wechselnden Stellen geblitzt werden - OHNE Vorankündigung! Außerdem müssten die Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen DRASTISCH erhöht werden! Gerechterweise muss viel schneller die Fahrerlaubnis entzogen werden, in schweren Fällen auf Lebenszeit. Die Höhe der Überschreitung müsste in Prozenten gewertet werden, nicht als absolute Km/h. Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ist ohnehin schon lange überfällig. Und was fällt der Polizei ein? Blitzen mit Ankündigung Die Autofahrer müssen endlich begreifen, dass sie ein Verkehrsmittel bewegen, kein Sportgerät. Und sie müssen begreifen, dass sie sich an Regeln zu halten haben. Das alles ist aber im "Autoland Deutschland" nicht gewünscht. Es sollen auch weiterhin übermotorisierte Protzkisten gekauft werden, die den Konzernen hohe Gewinne bescheren und den Malediven den baldigen Untergang. Das ist es, was zählt, nicht die Todesopfer durch Raserei und die Gefährdung von Menschenleben. Armes Deutschland!

Auch ich bin der Meinung, dass ein Blitzmarathon, welcher großspurig angekündigt wird, keinen Effekt erzielt. Was mich allerdings an der Berichterstattung der Medien und auch der Begründung der Blitzaktion stört ist die Pauschalierung. Vorab: Natürlich ist eine Geschwindigkeitsbegrenzung maßgeblich und muss befolgt werden. Überschreitungen sind zu Kontrollieren und auch zu ahnden. Eine gleichmäßige Geschwindigkeit begünstigt den Verkehrsfluss und ist somit sowohl der Fahrerbelastung, der Umweltbelastung und auch der Verkehrssicherheit zuträglich. Aber mich stört der Begriff "Raser"! Es wird immer geschrieben, wie viele Raser geblitzt wurden. Dabei wird nicht unterschieden, ob man knapp drüber war oder wirklich gefährlich zu schnell war. Ich möchte die kleinen Überschreitungen von 10 km/h nicht entschuldigen oder billigen. Aber es ist dennoch ein Unterschied ob ich bei erlaubten 50 km/h mit 60 km/h fahre, oder ob ich mit 95 km/h unterwegs bin. Beides ist natürlich zu schnell und beides soll auch Konsequenzen haben. Aber nicht beides darf in meinen Augen als "Rasen" bezeichnet werden. Die Schlagzeilen nach der Blitzaktion wiesen Zahlen aus, welche ohne Zusammenhang nicht zu deuten waren. Es ist einfach ein Unterschied! Auch wenn das viele nicht sehen möchten und die Meinung vertreten, dass man jede Strafe akzeptieren muss wenn man nicht exakt die vorgeschriebene Geschwindigkeit fährt. Als Vergleich wäre niemand damit einverstanden, dass jedes Fahrzeug, welches die Parkzeit um 5 Minuten überschritten hat, gleich für 400 Euro abgeschleppt wird. Denn bei Parkverstößen wird auch, und das ist sehr gut so, unterschieden ob es "nur" um ein paar Minuten geht oder ob ich eine wichtige Feuerwehrzufahrt blockiere. Sowohl bei der Diskussion über Geschwindigkeiten als auch bei der Überwachung selbst wünsche ich mir eine etwas differenzierte Herangehensweise von allen Parteien. Meine Meinung zusammengefasst: Natürlich muss eine Geschwindigkeitsbeschränkung eingehalten werden. Natürlich muss auch eine Überschreitung geahndet werden. Aber die Verkehrsüberwachung, die Wahl der Geschwindigkeitsbeschränkungen, und auch die Beurteilungen und Strafen sollten realistisch und sinnvoll getroffen werden. Der mobile Blitzer unserer Stadt steht oft abends am Ortsausgang mit gerader Strecke. In den letzten 15 Jahren ist mir dort nur ein einziger Unfall bekannt und dieser war ein Abbiegeunfall, welcher nur bedingt mit der Geschwindigkeit zu tun hatte. Morgens an der Schule sieht man den Blitzer hingegen nur ganz selten. Das ist unsinnig! Von mir aus kann es mehr Kontrollen geben, auch unangekündigt und längerfristig. Aber bitte sinnvoll! Hauptsächlich an Unfallschwerpunkten und wichtigen Stellen. Woanders kann es auch passieren um das Geschwindigkeitsniveau generell zu senken aber dies sollte zweitrangig sein. Solch ein Blitzmarathon rückt das Thema nur kurzzeitig in den Fokus und verblasst danach wieder. Jetzt heißt es wieder "Business as usual" bis die Zeitungen wieder vor der Polizei warnen.

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