Platooning: Sinnvoll oder gefährlich?

© Taina Sohlman/adobestock


Wieder kommt eine neue Technologie im Straßenverkehr auf uns zu, vernetzt und digital. Die wir also, um nicht als Fortschrittsbremse dazustehen, a priori gut finden müssen. Unter Platooning versteht man das elektronische Koppeln von mindestens zwei Lkw, die, da sie sich miteinander „verständigen“, sehr dicht zusammen fahren können. Theoretisch resultiert daraus eine Benzinersparnis durch geringeren Luftwiderstand und sicherer soll es außerdem sein. Interessant also und deshalb einen zweiten Blick wert.

Erstmal ist es gut und richtig, dass wir neue Technologien testen, wie das die Bundesregierung jetzt auf der A 9 macht. Aber unabhängig von etwaigen Zwischenergebnissen sehe ich eine Reihe von grundsätzlichen Problemen:

  • Die Platoon-Fahrzeuge haben mit Sicherheit noch einen Fahrer, denn die Technik ist auf absehbare Zeit nicht soweit, dass man auf den Fahrer als eingreifende Instanz verzichten könnte. Damit ergeben sich zunächst alle Probleme, die wir auch sonst bei zunehmender Automation haben: Der Mensch ist völlig ungeeignet als redundantes System für die Technik, weil er beschäftigungslos nur sehr kurze Phasen aufmerksam bleiben kann.

  • Zwei Sattelzüge messen mit Zwischenraum rund 50 Meter, drei also 75. An beinahe allen Einfahrten und auch an vielen Ausfahrten (Pkw merken ja nicht immer rechtzeitig, wie lang der Zug ist) ist damit vorprogrammiert, dass die Verbindung gelöst und rasch ein gesetzmäßiger Abstand hergestellt werden muss. Gesetzt, das gelingt immer, was aus Sicht der Verkehrssicherheit zu fordern, aber durchaus nicht gewiss ist, würden die Aufholmanöver einen Großteil der potentiellen Benzinersparnis wieder zunichtemachen.

  • Durch die geringen Abstände erhalten die Motoren weniger Kühlluft. Ständig laufende Ventilatoren können den Benzinvorteil weiter reduzieren.

  • Es ist gar nicht so einfach, entsprechende Konvois zusammenzustellen: Das durch Gewicht und/oder Motorleistung langsamste Fahrzeug müßte ja an die Spitze kommen.

Nicht ohne Grund hat sich ein großer Lkw-Hersteller aus dem Projekt verabschiedet, nachdem Versuche in USA nicht erfolgreich waren. Deshalb glaube ich zumindest für Deutschland mit seinen dicht befahrenen Autobahnen und kurzen Abständen zwischen den Auffahrten nicht an große Erfolge. Warnen möchte ich vor allem davor, beim derzeitigen Stand der Technik auf die Idee zu kommen, die Fahrten im Platoon als Ruhezeit anzurechnen. Denn das wäre ja, neben einer Spritersparnis, angesichts des zunehmenden Fahrermangels (und der in diesem Zuge kräftig steigenden Personalkosten) der größte Nutzen für die Flottenbetreiber. Wenn die Fahrzeuge vollautomatisch nach Stufe 4 fahren werden, kann man darüber reden. Aber erstens ist das noch eine Weile hin und zweitens brauchen wir dann eigentlich auch keinen Platoon mehr. Auffahrunfälle lassen sich übrigens auch jetzt schon mit neuester Notbremsassistenz vermeiden. Das darf man nicht vermischen.

Also kurz zusammengefasst:

Das Unfallrisiko verringert sich durch immer bessere Assistenten, nicht durch Platooning. Dieses schafft im Gegenteil zumindest mittelfristig Sicherheitsprobleme durch den zur Überwachung ungeeigneten Fahrer und durch kritische Situationen an Zu- und Abfahrten.

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